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03.03.2016 10:45:13
Trotz schwieriger Umstände - siehe Schach dem Verbrechen! [www.mikrowellenterror.de] - soll auch 2016 ein Update erfolgen. Umfangreiche Kapitel, frühere Entwürfe, Fragmente und Links finden sich hier: [www.mikrowellenterror.de]

SCHACH UND QUANTENPHYSIK - Eine kleine Kombination
Dr. Reinhard Munzert

,Einleitung

"Das Schöne am Schach ist die Betrachtung des Spiels als kognitives Labor" Garry Kasparow (2007, S. 338), Schachweltmeister.

"I often use the analogy of a chess game..." Prof. Richard Feynman (1989, S. 204), Physik-Nobelpreisträger.

Schach ist eine der genialsten Erfindungen des menschlichen Geistes. Quantenmechanik, obwohl allgegenwärtig und täglich milliardenfach technisch angewandt, versteht keiner wirklich. Eine reizende Ausgangslage: wie wär's mit einer Kombination!? Der Reichtum des Schachs ermöglicht uns, das Spiel auch als Analogie, Metapher oder Paradigma für wissenschaftliche Herausforderungen heranzuziehen.

Das vorliegende Manuskript versucht die Quantenphysik schachspielartig zu betrachten sowie Schach quantenartig zu durchdringen. Es öffnet neue intellektuelle Spielräume: Schach und Quanten bieten mentale Verlockungen; klar manchmal nerven sie auch. Ich versuche mit Schachfiguren und -feldern, Schachzügen sowie mentalen/kognitiven Prozessen in Gehirnen von Schachspielern Quanten und quantenmechanische Vorgänge zu veranschaulichen und besser verstehbar zu machen. Sie müssen kein Heisenberg sein, um sich dafür zu begeistern. Ein kluger Kopf hilft schon, noch besser ist spielerische Neugier.

Verbindet man Schach und Quantenphysik, dann werden überraschende Einblicke und sprunghafte Hochgefühle möglich - auch beim Lesen. Als Basis konnte ich im Lauf der Jahre zahlreiche Ähnlichkeiten, Parallelen, Gemeinsamkeiten und Zusammenhänge zwischen beiden Bereichen entdecken oder herausarbeiten. Wenn Geheimnisse, Rätsel und Herausforderungen der Quantenphysik auf Erfahrungen, Erkenntnisse und Prinzipien des Schachs - besser gesagt der SchachspielerInnen - treffen, gibt es griffige Konzepte, handfeste Beschreibungen und inspirierende Geistesblitze. Dieses Buch-/Internetmanuskript bietet eine neue Variante für Verständnis und Deutung von Quanten und Quantenprozessen, zudem wagt es eine quantenzentrierte Betrachtung des Schachs.

Einer der Grundgedanken dieser Arbeit lautet: Schachfiguren sind (feldabhängige) Objekte, deren Wirkungen sich auf andere Objekte und Felder ausbreiten. Wesentliche Komponenten der Quantenphysik und des Quantenverhaltens lassen sich damit, behaupte ich, demonstrieren: Die Doppelnatur der Quanten, Komplementarität, Überlagerung, Fluktuation, Unbestimmtheit/Unschärfe und Wahrscheinlichkeit sowie Quantenverschränkung!

Ich kann beste Zutaten versprechen: Erhellende Quantensprünge von Nobelpreisträgern, von Schach- und anderen Genies, vorgestellt in ausgewählten verständlichen Originalzitaten. En passant gewinnen wir damit, ganz ohne Mathematik, eine Einführung in die Grundlagen der Quantenphysik. Vorwissen über Quantenphysik ist nicht erforderlich.

Zentrale Wissensfelder des Textes bieten Erkenntnisse und Hypothesen zur Bedeutung von Gehirn und Quantenvorgängen bei Informationsverarbeitung, Denken und Handeln allgemein und im Schachkontext. Viele Inhalte sind verschränkt mit moderner Psychologie und Kognitiver Wissenschaft.

Ich habe auf dem (quantenmechanischen) Schachbrett schon herumgespielt und drauflos kombiniert. Zum Beispiel: Schachzüge als Materiebewegungen auf dem Brett und als Wellenbewegungen in neuronalen Netzen von Schachspielerhirnen. Auch bin ich die ultimative Herausforderung der Quantenphysik an den gesunden Menschenverstand - die Quantenverschränkung auf weite Entfernung - mit schachlichen Mitteln angegangen und kam zu einem erfreulichen Ergebnis. Es bietet sich an, verschiedene Interpretationen der Quantenphysik an Hand von Schach durchzuspielen!

Quanteneffekte können durchaus in unserem Neuronengehirn relevant sein, u.a. beim Lernen, kreativen Einfällen oder beim Nachdenken, inneren Reden und Entscheiden. Ebenfalls effektiv fluktuierend bei der Umwandlung von Energie in Information und umgekehrt - beziehungsweise beim Übergang von physikalischen zu psychischen Prozessen. Ins Spiel bringe ich dazu weitgehend neue Überlegungen: Prozess- und Strukturverschmelzung im Gehirn, Quantenprozesse in neuronalen Netzen, Neuro-Quanten, den Quanten-Schmetterlingseffekt, Quantum-Chunking, Emergentlement und zudem das psychische Betriebssystem und determinierende Tendenzen. Sowie, ziemlich gewagt, die Wellenfunktion eines Schachgedankens (Schrödingers Schachzug). Gedankengänge im Kopf und konkrete Handlungen im Schach quantenartig verwoben, geht das? Analysieren Sie mit! Kritik ist willkommen!

Debatten, Gedankenspiele, subtile und gigantische Experimente um die Quantenphysik dauern schon lange an und niemand hat bis heute den Gewinnweg zur Wahrheit gefunden! Quanten sind fürs Auge unsichtbar, auch zu schnell und wandelbar, um sie einfach zu (be-)greifen, zu sonderbar, um logisch verstanden zu werden. Aber mit unserem kombinationsgeübten Verstand können wir die Quantenwelt dennoch spielerisch erfassen. Machen Sie mit beim geistigen Wettkampf um die verborgene Realität!

Inhaltsübersicht der nächsten Kapitel:
Einleitung

1. Kapitel Ein Quantum Neuland: verborgene Sehenswürdigkeiten, Rätsel und das Unfassbare

2. Kapitel Auf den Schultern von Geistes-Riesen

3. Kapitel Schach und klassische Physik: Kraft, Raum, Zeit, Bewegung

4. Kapitel Schach und Relativität

5. Kapitel Das Denk- und Spielmaterial (I): Quanten / Wellen

6. Kapitel Das Denk- und Spielmaterial (II): Schachfiguren, -Felder, -Gedanken, Züge und das kognitive Spielfeld Gehirn

7. Kap. Quanten-Spielregeln - so wie Menschen sie sehen und (miss?) verstehen - und das Doppelspalt-Experiment


1. Kapitel Ein Quantum Neuland: verborgene Sehenswürdigkeiten, Gedankenstürme und das Unfassbare

"...kurze Blicke in eine andere Ordnung des Seins..." (Thomas Pynchon 2003, S. 379)

Als Heisenberg mit seiner Erforschung der Quantenphysik begann, sah er sich 1926 vor einem "Aufbruch" in ein "neues Land". Er schreibt: "...kann wirkliches Neuland in einer Wissenschaft wohl nur gewonnen werden, wenn man an einer entscheidenden Stelle bereit ist, den Grund zu verlassen, auf dem die bisherige Wissenschaft ruht, und gewissermaßen ins Leere zu springen" (1988, S. 88). Wer sich für die Verbindung von Schach und Quantenphysik engagiert, braucht solchen Wagemut nicht. Allerdings sollte man bereit sein Dinge, Fakten und Zusammenhänge einmal anders zu betrachten.

Sowohl zum Schach als auch zur Quantenphysik bestehen umfangreiches Wissen, vielfältige Literatur und Quellen. Die Schnittmenge von beiden Bereichen ist bislang jedoch gering. Hier kann man noch vieles selber entdecken, darunter auch spannende Rätsel und verborgene Sehenswürdigkeiten.

Thomas Kuhn, der mit seinem Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen den Begriff Paradigmenwechsel prägte, betont: "Jede neue Auslegung der Natur, sei es eine Entdeckung oder eine Theorie, taucht zuerst im Geiste eines oder einiger weniger Individuen auf. Sie sind die ersten, die die Wissenschaft oder die Welt anders sehen lernen..." (1988, S. 155). Auf der selben Buchseite betrachtet Kuhn übrigens einen Wissenschaftler als Rätsellöser und vergleicht diesen mit einem Schachspieler, der "bei der Suche nach einer Lösung verschiedene mögliche Züge ausprobiert".

Wissenschaftliche Revolution setzt gesunden Menschenverstand matt
Physik-Nobelpreisträger Heisenberg hat mit seinen mathematisch-philosophischen Expeditionen in die Quantenwelt zu einer wissenschaftlichen Revolution beigetragen. "Die Entdeckung der Quantentheorie im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts brachte die größte Revolution in unserem Verständnis der Welt der Physik seit den Entdeckungen von Isaak Newton mit sich. Die Newtonsche Welt der klassischen Physik war klar und determiniert; die Quantenwelt ist verschwommen und unvorhersehbar" (Prof. Polkinghorne, [www.theologie-naturwissenschaften.de] ). Vielleicht hat Heisenberg damals schon geahnt, dass (s)ein kompliziertes Neuland zum Spielfeld einer langandauernden intellektuellen Auseinandersetzung werden könnte.

Die Quantenmechanik setzt den gesunden Menschenverstand matt?! "Obwohl die Gesetze der Quantenmechanik in den Forschungslaboratorien bis heute noch niemals widerlegt (dagegen häufig bestätigt) werden konnten, verstösst diese Theorie fortwährend gegen den 'gesunden Menschenverstand'" (Kaku & Trainer 1993, S. 67). Der Philosoph und Physiker C.F. von Weizsäcker hielt fest, "dass die Quantentheorie einen Deutungs-Schock erzeugt hat" (1996, S. 202). Dazu werden wir noch verschiedene Varianten kennenlernen. Die Interpretation bizarrer Quantenvorgänge entfacht immer noch wilde Gedankenstürme.

Das Unfassbare
Der absolute Quantenschocker ist die Quantenverschränkung auf weite Entfernung. "Verschränkung: Quantenphänomen, bei dem zwei oder mehr Teilchen unauflöslich verbunden bleiben, so weit sie auch voneinander entfernt sein mögen" (Kumar 2009, S. 468).

Einer der herausragenden lebenden Quantenphysiker Prof. Zeilinger erläutert: "Der österreichische Physiker Erwin Schrödinger hat den Begriff 1935 eingeführt, und er hat auch gleich gesagt, dass die Verschränkung jenes Phänomen der Quantenphysik ist, das uns zwingt, von all unseren liebgewordenen Vorstellungen über die Welt Abschied zu nehmen" (Zeilinger 2005). Selbst einfühlsame Quantenversteher können bislang die Quantenverschränkung nicht erklären. Zeilinger (2005, in Spiegel-Bericht) bemerkt: "Richtig vorstellen kann auch ich mir nicht, was bei diesem Vorgang jenseits von Zeit und Raum vor sich geht."

Einstein bezeichnete weitreichende Verschränkungen skeptisch als "spukhafte Fernwirkungen". Niemand kann bisher beschreiben oder gar erklären, wie diese unfassbare Fernwirkung funktioniert. Trotzdem möchte ich's verstehen. Also habe ich mir eine Analogie mit Hilfe des Schachs ausgedacht (Munzert 2015) [www.mikrowellenterror.de] . Wir werden uns in Kap. [noch einfügen] der Quantenverschränkung erstmals mit schachspielerischen Mittel nähern und versuchen das Unfassbare fassbarer zu machen.

Quanten und Schachspieler probieren alle möglichen Wege
Meine ersten Schritte auf einem winzigen Pfad ins Quantenland liegen schon lange zurück.
Vor über 20 Jahren las ich in dem Buch Der Geist im Atom (Davies & Brown 1993) in Hinblick auf das berühmte Doppelspalt-Experiment (siehe unten) der Quantenphysik folgendes (S. 20): "Es kann zweckdienlich sein, sich vorzustellen, dass jedem Teilchen unendlich viele Bahnen zugeordnet sind... Die Unbestimmtheit seiner Aktivität ermöglicht ihm, viele verschiedene Bahnen abzutasten". Dabei dachte ich seltsamerweise sogleich - durch einen Quanteneffekt in meinem Gehirn? - an die Variantenberechnung eines Schachspielers bei der Analyse der Position (Berechnung und Bewertung von Schachzügen / Strategie und Taktik). Dann kam mir zudem das allgemeine Planen und Handeln von Menschen in den "Sinn": Pläne, Wege, Ziele.

Unentdeckte Sehenswürdigkeiten, verwirrende Überraschungen und wilde Gedankenstürme
Es gibt kraftvolle Felder, verlockende Labyrinthe, verschlungene Pfade und verwickelte Dimensionen im Schachquantenland, darin viele ungehobene (mentale) Schätze, bizarre Rätsel. Auch deshalb habe ich einige Spekulationen gewagt und Kombinationen versucht. Diese reichen von innovativen Gedankenexperimenten, neuen spekulativen Konzepten bis zu gründlich durchdachten und ziemlich gesicherten Erkenntnissen. Hier seien die ersten Züge, Perspektiven und Reiseziele kurz genannt:

# Ähnlichkeiten und Parallelen zwischen Schach und Quantenphysik
# Die Existenz aus der Information ("It from bit" ) auf Schach übertragen
# Quantenverschränkung auf 64 Feldern: Schach und Matt mit Fernwirkung
# Quantensprünge in neuronalen Netzen
# Zugwahl und Wellenfunktion
# Determinierende Tendenz(en) trotz Quantenzufall
# Der Übergang von quantenmechanischen mentalen Prozessen zu handfesten Schachzügen
# Beobachtungs- und Messproblem der Quantentheorie mittels Schachprozessen betrachtet
# Schach als Metapher, Analogie oder Paradigma für Quantentheorie und Quantenrealität
# Ein Schachparadigma zur Quantenphysik: Veranschaulichung, Beschreibung oder Erklärung von Quantenphänomenen mittels Schach.

Schwindelig! Verwirrt? Kein Land in Sicht?! Willkommen im Club!
Physikprofessor Susskind warnt: "Die Quantenmechanik war mehr als ein neues Naturgesetz. Sie veränderte die Regeln der klassischen Logik, die normalen Denkregeln, die jeder geistig gesunde Mensch benutzt... Machen Sie sich darauf gefasst, dass sie Sie verwirren wird. Sie verwirrt jeden" (2010, S. 13). Man kann das auch positiv sehen, wie es der grandiose Physiker Feynman in Hinblick auf die Rätsel der Quantenphysik empfiehlt (1993, S. 160): "lehnen Sie sich entspannt zurück und geniessen Sie".

2. Kapitel Auf den Schultern von Geistes-Riesen

"Wenn ich weiter gesehen habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe" Isaac Newton (1676).

"Das Schachbrett besteht nicht nur aus Weiß und Schwarz. Die Dinge lassen sich auch von einer übergeordneten Perspektive aus betrachten" Arturo Perez-Reverte (1998, S. 330).

Bei unseren Ausflügen ins QuantenSchachLand müssen wir nicht ins Leere springen, wie die Pioniere der Quantenphysik, sondern können nach oben schauen und uns an Giganten aus beiden Gebieten orientieren. Bei Schach und Quanten ist vieles Ansichtssache. Oft werde ich die Einsichten der großen Meister und Forscher mit deren verständlichsten eigenen Worten präsentieren. Die Physiknobelpreisträger Bohr, Born, Einstein, Feynman, Heisenberg Schrödinger und Weinberg, die Professoren Bohm, Hawking, Görnitz, Susskind, Wheeler und Zeilinger, die Schachweltmeister Dr. Lasker und Kasparow, die Schachgroßmeister Dr. Tarrasch und Dr. Hübner sowie zahlreiche weitere Freunde geistiger Abenteuer steuern wertvolle Züge zum Erkenntnisgewinn bei.

Zunächst wird deshalb viel zitiert; damit befolgen wir einen Rat, den Aristoteles schon vor ca. 2300 Jahren gegeben hat: "Zuerst wollen wir prüfen, was etwa frühere Forscher an richtigen Einzelheiten ausgesprochen haben" (zit. Ausgabe 1990, S. 302). Leser und Autor stehen damit "Auf den Schultern von Riesen" (Merton 1983), das lässt uns hoffen, etwas über das Schachbrett und den Quantenschaum hinausblicken zu können.

Ähnlich wie Newton (siehe ganz oben) sowie manche seiner Vorgänger und Nachfolger stehen auch viele Denker, Schachspieler und Wissenschaftler unserer Zeit, bewusst oder unbeabsichtigt, auf den Schultern von Geistes-Giganten. Genauer gesagt, wenn wir uns emporarbeiten (mit höchstens 64 plus x Zitaten), gilt auch für uns - was Newton meisterhaft gelang: "standing on the shoulders of giants". Oder bescheidener ausgedrückt: "Ein Zwerg, der auf den Schultern eines Riesen steht, kann weiter sehen als der Riese selbst" (Burton nach Merton 1983, S. 15).

G R U N D L A G E N

3. Kapitel Schach und klassische Physik: Kraft, Raum, Zeit, Bewegung

"Diese drei Faktoren, Kraft, Raum und Zeit, wirken also bei jedem Zuge zusammen" Großmeister Dr. Siegbert Tarrasch (1931, S. 327).

Beginnen wir mit der klassischen Physik - also noch ohne Quantenbetrachtung.

Kraft, Raum, Zeit
Schachmeister Tarrasch (1862-1934) erklärt in seinem Standardwerk "Das Schachspiel" (1931, S. 311): "Drei Faktoren sind es, aus denen das Schachspiel besteht, Kraft, Raum und Zeit. Die Kraft, das sind die Streitkräfte, über die jeder Spieler verfügt, die Schachsteine, die ja Symbole für Kräfte sind. Der Raum, das ist das Brett, auf dem die Steine zweckmäßig zu gruppieren sind. Und die Zeit ist, da immer abwechselnd gezogen wird, die Ausnützung des Rechtes bzw. die Erfüllung der Pflicht zu ziehen... Die Kräfte bestehen aus Figuren oder Offizieren und Bauern". -
Das klingt doch nach Physik! (Nebenbei festgehalten: Figuren, Brett und Spieler bestehen natürlich aus Materie).

Grundlegend sind auch ähnliche Ausführungen des russischen Schachmeisters Snosko-Borowsky (1884-1954) in seinem Klassiker Das Mittelspiel im Schach (1926 bzw. 1995). Über "die Elemente des Schachs" schreibt er (S. 1) u.a.: "Das Schach, das tiefste aller bestehenden Spiele, verläuft in strengen Gesetzen,...ähnlich denen der Mathematik oder Mechanik... Die Elemente des Schachs sind:
1. Kraft, die den Schachfiguren beigelegt ist und sich auswirkt in
2. Raum, dargestellt durch das Schachbrett, und
3. Zeit, sich zusammensetzend aus den Zügen.
Das ganze Spiel ist eine Verbindung dieser drei Elemente...".
Und: "Zeit und Raum sind die Bedingungen des Schachspiels. Das aktive Element ist die Kraft, die Zeit und Raum verbindet..." (Snosko-Borowsky 1926/1995, S. 10).

Kraft und Wirkung von Schachfiguren
Auch andere Schachautoren haben über Kraft und Wirkung von Schachfiguren geschrieben. Hier einige Beispiele, es sei dahingestellt, ob es sich dabei schon um eine kleine Schach-Physik handelt.
Im ehrwürdigen Handbuch des Schachspiels von 1843 (Nachdruck 1979) systematisiert Bilguer das damalige Schachwissen. Bei Erörterung des Wertes verschiedener Schachsteine behandelt er auch die Kraft der Steine und ihre jeweils momentane Wirkung. Die folgenden Ausführungen seien wegen ihrer Formulierungen zitiert, der Inhalt ist heutzutage vielen Freunde des Schachs selbstverständlich bekannt: "Unter allen Steinen hat die Dame die größte Kraft... Der Turm ist nächst der Dame der stärkste Stein... Die Bauern, obgleich von großer Wichtigkeit, sind doch einzeln betrachtet, die schwächsten Steine..." (S. 12). Bei der "Wirksamkeit" einer oder mehrerer Figuren "kommt hier Alles auf die jedesmalige Stellung des Spiels an" (S. 12). Unter der Überschrift "Allgemeine Regeln zur Eröffnung und Führung des Spieles" finden sich einzelne Hinweise zur "Wirksamkeit". So sollen Springer und Läufer in der Eröffnung "auf Felder gestellt werden, wo sie einen möglichst großen Wirkungskreis haben" (1843/1979, S. 41). - Fraglos handelt es sich dabei um den lokalen Wirkungskreis auf dem jeweiligen Schachbrett, leider noch ohne Fernwirkung.

Schlagkraft - "Forces", "powers" and "movements/actions"
Der erste Schachweltmeister Wilhelm Steinitz (1836-1900) schreibt von "forces" and "their powers". Hinsichtlich des Partiebeginns führt er aus (1889, S. XXVII): "Both parties are placed on a perfectly equal footing on starting, as regards the forces and their respective powers, and the same rules regulate the movements or actions of the combatants".
Der legendäre Schachweltmeister Bobby Fischer und seine Mitautoren Margulies & Mosenfelder sprechen von "Schlagkraft" der Figuren (1981, S. 74) und verwenden folgende schlagkräftige Formulierung: "Das Mattsetzen ist das K.o. des Schachspiels" (S. VIII).

Kraftlinien und dynamische Möglichkeiten / Kräftekonstellation & Kräftesystem / Bewegungsenergie
Von Weltmeister Aljechin wird berichtet, dass er (beim Blindschach) Schachsteine als "Kraftlinien" sah (Holding 1985, S. 52-53). Ähnliches visualisierten einige Teilnehmer einer Untersuchung zum Blindschach (Binet 1893/1894; zusammenfassender Überblick zu den bedeutenden Untersuchungen des Gedächtnis- und Intelligenzforschers A. Binet findet sich in Munzert 1988 & weiteren Auflagen, S. 195-197). Schachforscher De Groot führt in Hinsicht auf eine zeichnerische Darstellung (1965, S. 4) jener "Kraftlinien" aus: "...lines of force that go out from them (the pieces) and that schematically represent their dynamic possibilities" (1965, S. 5).

Schachgroßmeister Dr. Hübner spricht in Hinblick auf die "Stellung der Steine" von "Kräftekonstellation" (in Harenberg 1981, S. 102) und davon, "bestimmte Probleme in diesem Kräftesystem zu lösen" (S. 114).

Die drei Moskauer Psychologieprofessoren Djakow, Petrowski & Rudik führten mit Schachmeistern beim Internationalen Turnier in Moskau 1925 experimentelle Untersuchungen durch. In ihrem Büchlein Psychologie des Schachspiels (1927, Reprint 2001) beschreiben sie "die Dynamik der Schachfiguren als der Träger potentieller Wirkungen und Bewegungen (des Angriffs und der Verteidigung), als der 'Kraftmittelpunkte', die durch ihre Bewegungsenergie alle Felder des Brettes - die besetzten wie die freien - anfüllen" (S. 12). Die Bezeichnung "Kraftmittelpunkte" für die Schachfiguren ist beachtenswert, ebenso wie deren Auswirkungen, "ihre Bewegungsenergie", auf die Schachfelder beschrieben wird.

Klassische Mechanik, Psychomechanik des Schachspiels, Schachmechanik?
Die klassische Mechanik der Physik - nicht zu verwechseln mit Quantenmechanik - umschreibt der Physiker Bublath (1992, S. 103) kurz wie folgt: "Theorie von der Bewegung der Körper unter dem Einfluß äußerer Kräfte". Für ihre Untersuchungen, sie nennen diese "psychotechnische Experimente" prägten Djakow & Kollegen die Bezeichnung "Psychomechanik des Schachspiels" (1927/1991 S. 23-24, 26) in Bezug auf Denkkraft, Wille, Denkaktivität der Spieler (S. 21) und überhaupt für die "verschiedenen psychischen Funktionen im Schach" (S. 26)). Rückblickend kann man sagen, dieser Begriff hat sich zwar nicht durchgesetzt, aber immerhin schon etwas Physik konzeptionell enthalten. Wenn man bei "Bewegung von Körpern unter dem Einfluss äußerer Kräfte" auch Züge von Schachfiguren durch den Einfluss von Schachgedanken und entsprechenden Handlungen einbezieht, dann war eine Schachmechanik gar nicht weit weg vom Brett, nämlich in Kopf und Hand der Spieler oder wie Djakow et al. es nennen: der "Psychomechanik des Schachspielers" (S. 51).

- Allerdings fehlt bei dieser Betrachtung etwas ganz Zentrales, das in der klassischen Mechanik nicht vorkommt: Information. Information ist wiederum eine zentrale Komponente der modernen Quantenphysik sowie im Schach. Dazu in späteren Kapiteln ausführliches Informations-Material.

Woher kommen Kraft und Wirkungen der Schachfiguren?
Wo steckt die Kraft der Schachfiguren: In den Steinen, in den Regeln des Schachs, in den Gehirnen der Schachspieler? In allen drei zusammen? Oder nirgends - sie ist nur eine spielerische Fiktion? Tarrasch, wie zitiert, bezeichnet Schachsteine als "Symbole für Kräfte"; nach Snosko-Borowsky ist den Schachfiguren die Kraft "beigelegt". Denkt man erst einmal genauer über Kräfte und Wirkungen von Schachfiguren nach, dann ergeben sich interessante Fragen zu den 'Kraftmittelpunkten'.
Wenn Sie möchten, nehmen Sie einfach eine Schachfigur zur Hand - am besten noch ohne Schachbrett - und überlegen Sie mit: Haben die Schachsteine nur Kraft und Wirkung, wenn mit ihnen gespielt wird? Betrachtet man Schachsteine lediglich als Symbole für Kräfte, wo entsteht dann die "wirkliche Kraft"; gibt es eine Kraftquelle? Wer legt den Figuren die Kraft bei? Die schachliche Kraft der Figuren liegt sicher nicht im Material (Materie) aus dem sie bestehen, z.B. Holz, eher schon in der Form, aber diese ist ja (kraftloses?) Symbol. Verleiht durch Übereinkunft die sprachliche Bezeichnung eines Steins - als Namen bzw. genormtes Zeichen - diesem Wert und Kraft? Wenn im Figurensatz mal ein Bauer fehlt und man stattdessen einen Knopf als Ersatzbauern nimmt, dann hat der Knopf die Kraft, Möglichkeiten und Wirkungen eines echten Schachbauern. It's magic? Sind es erst die manifesten Handbewegungen des Spielers, welche die Kraft übertragen und die Wirkungen hervorrufen? Eines steht fest: Wenn die Figur auf dem Brett nicht vorhanden ist, kann sie logischerweise auch keine Kraft ins Spiel bringen und keine Wirkung erzielen. Also ist sie doch eine notwendige Komponente der Kraft!?

Manche Schachspieler können ganz ohne Brett und Figuren mittels ihrer Vorstellungs'kraft' Schach intern sehen und Figuren mental bewegen. Viele Schachfreunde sind in der Lage, auf Papier gedruckte Stellungen oder Partieverläufe zu erfassen. Da kann man dann schon fragen, in welcher Form die Figuren existieren. Ebenso beim Spielen und Analysieren mittels Computer, wo die Schachsteine als quantengenerierte Symbole auf dem Bildschirm erscheinen.

Anbindung der Figuren an die Spieler und vice versa: SchachNexus
Schachspieler werden es wissen: Figuren sind handfeste Symbole, die ohne geistige Anbindung an die Schachspieler keine Kraft und Wirkung haben. Aber andererseits: wenn die Figur fehlt, kann der Spieler bekanntlich keine Wirkung mit dieser erzielen. Das materialisierte, gedruckte oder computergenerierte Symbol wird also auch gebraucht, denn wenn es nicht vorhanden ist, weil die Figur z.B. geworfen wurde, kann man diese Figur nicht ziehen und überhaupt keine Kraft ausüben, somit keine Wirkung erreichen!
Die zentrale Wechselwirkung sei kurz zusammengefasst: Die Vorgänge im Kopf der Spieler beeinflussen die Geschehnisse auf dem Brett und umgekehrt. Wenn zwei Dinge zusammenhängen und dies betont werden soll, wird oft die Analogie von den beiden Seiten einer Medaille bemüht. Im Fall des Schachs könnten wir von den zusammengehörenden Faktoren, Mechanismen und Phänomenen des inneren und des äusseren Spiels sprechen. Es wäre verlockend hier bereits von Verschränkung im Schach zu sprechen, aber ich will lieber einen anderen Begriff wählen. Den Zusammenhang zwischen Schachspieler und Figuren auf dem Schachbrett und im kognitiven Spielfeld Gehirn - einschliesslich der Schachregeln -nenne ich SchachNexus (Nexus aus dem latein. für Verknüpfung, Verkettung usw., gab es schon vor dem Gadget).
Und damit es nicht zu einfach wird, kommen sowohl im Schach als auch in der Physik Felder ins Spiel.

Schachfelder
Braucht man für die Wirkungen auch die Schachfelder und das Brett? Versuchen Sie's ohne!
Wenn es um Bewegung und Wirkung der Schachsteine geht, sind natürlich die Felder, auf denen die einzelnen Steine stehen sowie die Felder auf die sie einwirken und zu denen sie ziehen können, höchst relevant. Verständlicherweise richtet sich die Aufmerksamkeit der Spieler auf die Figuren. Im Gegensatz zu den Figuren kann man ja die Felder nicht bewegen. Trotzdem läuft bzw. zieht ohne Felder gar nichts im Schach.
Erwähnenswert, es gibt Spieler, die eine bestimmte Figur gern auf einem Lieblingsfeld stehen sehen, wobei diese Figur dann besonders wirkungsvoll ist bzw. unangenehm für den Gegner. Oft werden die Felder bei der Beschreibung des Schachraums im Gegensatz zu den Figuren, die auf ihnen stehen nur kurz erwähnt. Was soll man auch schon sagen, es gibt 32 weiße und 32 schwarze quadratische Felder auf dem Brett, die abwechselnd aufeinander folgen und auf acht senkrechten Linien sowie acht waagrechten Reihen angeordnet sind. Doch dabei übersieht man leicht ihre enorme Bedeutung; das wird bei uns anders sein. Einer der Grundgedanken dieser Arbeit lautet: Schachfiguren sind (feldabhängige) Objekte, deren Wirkungen sich auf andere Objekte und Felder ausbreiten.

Je länger man darüber nachdenkt, umso unschärfer und interpretationsbedürftig wird es, ähnlich wie bei der Quantenphysik. Eine erstaunliche fundamentale Frage der Quantenphysik lautet: Gibt es Quanten auch, wenn man sie nicht beobachtet? Über diese Frage habe ich an Hand der Kraft-Betrachtungen zu Schachfiguren nachgedacht und dabei ist mir sowohl für Schach auch als für Quantenmechanik manches deutlicher bzw. greifbarer geworden, dazu später viel mehr. Erfreut habe ich mehrmals entdeckt: Was der Beobachter für die Quantenphysik ist, ist der Schachspieler für das Schach.

Schon seltsam, früher habe ich sowas nicht bemerkt. Die Beschäftigung mit Physik und besonders Quantentheorie verbessert das Durch-denken. Vermutlich begeben wir uns mit solchen Fragen schon auf den Weg ins Neuland. Wie sehen Sie das lieber Leser und Mitspieler? - Zunächst geht es jetzt zur Relativität, noch ganz ohne Quantenphysik.

4. Kapitel Schach und Relativität

"Alles ist relativ" (relativ gut bestätigte Erkenntnis).

"...eine neue Epoche beginnt, die Epoche des Verständnisses der Wirklichkeit, wie sie ist, die Epoche des schachlichen Realismus" Emanuel Lasker Schachweltmeister, Mathematiker und Philosoph (1937).

Bereits die klassische "Schach-Physik" (Kap. 3) verdeutlicht, dass es im Schachgeschehen auch den menschlichen Fakor gibt. Es ist klar, Schach ohne Spieler wäre nur eine hölzerne Theorie, benötigt also denkende und handelnde Akteure, die die Figuren mental und konkret bewegen. (Zu Schachcomputern bzw. -Programmen kommen wir noch.) Das Relativitätsprinzip im Schach betont nun besonders die psychologische Seite des Wettkampfs und einen gegnerorientierten Ansatz.

[Vorläufig besteht hier noch kein offenkundiger Bezug zur Quantentheorie. In späteren Kapiteln werden wir eine Verbindung zwischen Schachrelativität und quanten-zentrierter Schachbetrachtung versuchen. - Kurz erwähnt sei, dass die beiden Hauptsäulen der modernen Physik: Relativitätstheorie und Quantentheorie noch nicht vereinigt werden konnten. Für viele Physiker wäre die entsprechende vereinheitlichte Theorie, der heilige Gral ihrer Wissenschaft.]

Weltmeister Laskers psychologische Denk- und Spielweise: auch Relativität im Schach?

Der deutsche Schachweltmeister Dr. Emanuel Lasker (1868-1941) verstand dieses Spiel als geistigen Kampf und berücksichtigte die Mentalität der jeweiligen Gegner. Der Schachkampf erfordert einen Bezug zum Gegenüber, und zwar sowohl zu dessen schachtechnischen Fähigkeiten als auch zu seiner Persönlichkeit. Lasker spricht von der "persönlichen Eigenart" eines jeden Schachmeisters; diese wollte der Champion verstehen und die jeweiligen Erkenntnisse zur Erreichung seiner Ziele verwerten. Er hat nicht nur die psychischen Stärken und Schwächen seiner Rivalen beachtet, sondern auch deren zukünftiges Denken und Handeln am Schachbrett vorauszusehen versucht. Dieser vielseitige Schachmeister brachte mit seiner (philosophischen) Einstellung zum Schach, seiner Betrachtung eines wirksamen Zuges und einer pragmatischen Spielauffassung die Schachrelativität - ohne selbst davon zu sprechen - sehr erfolgreich aufs Brett.

Wie alle kompetenten Schachspieler beachtete Lasker bei der Spielführung verschiedene Gesichtspunkte gleichzeitig. Die Psychologie war dabei ein Faktor, andere Überlegungen spielten mit. Neben Stellungsbeurteilung, Anwendung von Prinzipien, Gebrauch von Intuition und Kreativität sowie Variantenberechnung erfolgte bei der Plan- und Zugwahl Laskers oft eine Einschätzung des Gegners, seiner Fähigkeiten, Eigenschaften, Einstellungen und Absichten, seiner Vorlieben und Abneigungen, seiner psychischen Vorzüge und Unzulänglichkeiten sowie seines momentanen Zustands. Meistens schätzte der Weltmeister seine Rivalen dabei richtig ein; zudem war seine Gewichtung psychologischer Aspekte und Faktoren im allgemeinen hoch.

Einer seiner Nachfolger als Champion, Garry Kasparow, hält fest (1986, S. 7): "Emanuel Lasker war der erste, der sich ernsthaft und mit wissenschaftlicher Gründlichkeit mit den psychologischen Aspekten des Schachspiels befaßte." Der erfolgreiche Schachtrainer Dworetski erläutert (1994): "Dem zweiten Weltmeister Emanuel Lasker gebührt besonderer Ruhm für seinen psychologisch geprägten Zugang zum schachlichen Kampfgeschehen" (S. 206). Und (S. 211) "Heute wissen wir recht gut (in großem Umfang gerade dank der Erkenntnisse Laskers), daß es, wenn wir die eine oder andere Stellung bzw. Entscheidung beurteilen, unabdingbar ist, daß wir nicht nur allein die objektive Stärke eines Zuges bewerten, sondern auch die psychologische Seite der Medaille berücksichtigen...".

Lasker war freilich nicht der erste Schachspieler überhaupt, der psychische Faktoren ins Kalkül zog. Schon in den Urzeiten des Schachs wurden psychische bzw. psychologische Momente beachtet. "Im alten Indien gab es regelrechte Spielrituale, um den Gegner zu beeindrucken und sich selbst zu stimulieren" (Meyers Schachlexikon 1993, S. 217).

Der erste Schachkenner, der Laskers Einstellung und psychologische Spielweise ausführlich analysierte und beschrieb war Großmeister Réti, dieser führt über den Champion aus (1930/1983, S. 126): "Er studiert die Partien, die Spielweise, die Stärken und Schwächen der Meister, mit denen er zu kämpfen hat. Er sucht nicht die objektiv besten Züge zu spielen, sondern die dem jeweiligen Gegner unangenehmsten, er lenkt die Partie in eine Richtung, welche der Spielweise des Gegners nicht liegt...". Lasker besaß die umfassenden Schachfähigkeiten, um Partien bewusst in die vielfältigsten Bahnen lenken zu können. Nimzowitsch hebt Laskers "geniale Vielseitigkeit" in der Spielführung hervor (1929, S. 9). Seine schachtechnische Stärke war eine wesentliche Voraussetzung, um die Gegner überhaupt in Stellungen bringen zu können, die diesen nicht lagen (vgl. Rellstab 1958, S. 26; Linder & Linder 1991, S. 233). Den meisten Schachspielern gelingt dies nicht ganz so perfekt.

Einige Schachverständige sind nicht davon überzeugt, dass Lasker eine ausgeprägte psychologische Spielweise pflegte. Silbermann & Unzicker (1979, S. 116) schreiben von "der Mär von Laskers psychologischer Partieführung". Großmeister Dr. Hübner sagte mir, er könne nicht nachvollziehen, dass Laskers Spielweise aussergewöhnlich "psychologisch" gewesen sei (vgl. Munzert 1993a, S. 21, siehe auch Hübner 1996-1997).

Gerade deshalb wollte ich es genau wissen und habe mir den Luxus erlaubt, mich ausführlich mit Laskers Werk und Leben zu befassen. Es lag nahe, den pragmatischen Schachkämpfer selbst zum Zuge und zu Wort kommen zu lassen, was überaus erhellend und gewinnbringend ist. - Das mag für manche Schachfreunde interessant sein, aber was hat dies mit Relativität im Schach zu tun? Sehr viel, wie ich nun versuche aufzuzeigen.

Meine Forschungsarbeit führte zur Bestätigung und Differenzierung klassischer Aussagen über Laskers Bedeutung und Denkweise, zu neuen Erkenntnissen und schliesslich zur Konzeption eines Relativitätsprinzips für Schach (ausführliche Darstellung und Erörterung einschliesslich zweier psychologisch interessanter Partien Tarrasch-Lasker 1908 und Lasker-Capablanca 1914 bei Munzert 1999 in Lasker & Munzert 1999 oder 2. Aufl. 2004; daraus mehrere Auszüge im vorliegenden Kapitel, ergänzt durch weitere Überlegungen und Fakten).

Einstein und Lasker (Zur persönlichen Bekanntschaft der beiden Geistes-Riesen)
Der Nobelpreisträger und der Schachweltmeister kannten sich persönlich. Einstein erinnert sich, "habe ihn auf gemeinsamen Spaziergängen gut kennengelernt, auf denen wir unsere Meinungen über die verschiedensten Fragen austauschten" (aus Einsteins Geleitwort 1952 zur Lasker-Biografie von Hannak 1952/1965, S. 3). Der Physiker nannte Lasker einen "eminent produktiven Menschen" (S. 3), sprach von "Laskers unbeirrbarer Selbständigkeit" sowie seinem "scharfen analytischen Geist" (S. 4).
Der Weltmeister hatte sich kritisch mit Einsteins Relativitätstheorie auseinandergesetzt, insbesondere mit der Lichtgeschwindigkeit, und einen Beitrag für das Buch Hundert Autoren gegen Einstein (Hrsg.: Israel, H. 1931/2012) verfasst (siehe dazu auch Laskers Ausführungen in Hannak 1965, S. 303). Der geniale Physiker nahm dies dem "kritischen Geist" nicht übel. Einsteins gelassene Antwort an die 100 Autoren war übrigens: "Wenn ich unrecht hätte, wäre einer genug!" (zit. nach Hawking 1988, S. 220).

Absolutes und Relatives zum Schach - Was ist der bestmögliche Zug?
Als ich mich bei der Vorbereitung eines Vortrags mit der Beziehung zwischen Einstein und Lasker befasste, kam mir plötzlich der Gedanke, dass Lasker in gewissem Sinne auch eine Relativitätstheorie entwickelt hatte, nämlich die des Schachzugs. Zunächst musste ich über diesen merkwürdigen Gedanken lächeln und fragte mich, was wohl Lasker dazu gesagt hätte. Die Bezeichnung "Relativitätstheorie" erschien mir für das Schach dann doch zu weit hergeholt und so versuchte ich, wieder seriös zu denken und die Relativitätstheorie den Physikern zu überlassen. Doch kam ich von dieser Idee nicht mehr los; mir ging dabei vor allem die Kontroverse um den "besten Zug" im Kopf herum. Zu dieser Thematik hatten Steinitz, Tarrasch und Lasker äusserst interessante Ausführungen beigetragen (vgl. Munzert 1984 oder 1998, Kap. 1).

Objektiv bester oder erfolgversprechendster / unangenehmster Zug?
Steinitz, der Hauptbegründer der wissenschaftlichen Schachtheorie, erklärte in seinem "Modern Chess Instructor", dass man sich stets nach (seinen) Prinzipien des Positionsspiels richten solle und vernünftiges, logisches Denken ausschlaggebend für den Erfolg des Schachspielers sei (1889/1984, S. XXVII): "...the results of Chess contests are strictly based on a scientific and logical foundation...It is, therefore, purely a battle of the reasoning qualities that decides the issue in a game of Chess." Ein psychologisches Verständnis des Gegners spiele dabei keine Rolle. Steinitz hatte über sich selbst erklärt: "Meine gesamte Aufmerksamkeit ist auf das Brett konzentriert. An die Person meines Gegners denke ich dabei überhaupt nicht" (zit. nach Hannak 1965, S. 38).

Kommen wir zum absolut-denkenden Tarrasch. Dieser hervorragende Schachtheoretiker wandte sich gegen eine Spielweise, die dem Spieler völlig freie Hand bei der Wahl seiner Züge lässt (1931, S. 306): "Man kann im Schachspiel überhaupt nicht tun, was man will, wenn man richtig spielen will, sondern man muß das tun, was man muß, was die Stellung verlangt...Jede Stellung muß man als ein Problem betrachten, bei dem es gilt, den richtigen Zug, den die Stellung erfordert und der fast immer ein einziger ist, zu finden. Nebenlösungen gibt es so gut wie gar nicht in der Schachpartie, mit Ausnahme der ersten Eröffnungszüge, wo die Wahl freisteht. Häufig, besonders wenn der eine Spieler bereits stark im Vorteil ist, sieht es so aus, als ob ihm mehrere gleich gute Züge zur Verfügung ständen. Bei näherer Untersuchung aber stellt es sich meist heraus, daß ein Zug der stärkste, der allerstärkste ist, und nur der ist der richtige. ...nichts ist im Schach schwieriger, als von mehreren gleich gut erscheinenden Zügen den besten, den einzig richtigen herauszufinden".

Lasker (1925) meinte über Tarrasch: "...sein schachliches System ist aufgebaut auf dem bestimmten Artikel. Bei ihm heißt es oft: der korrekte Zug; selten: ein korrekter Zug; er sagt immer: der beste Zug, nie: ein bester Zug" (S. 174). Lasker hält dagegen: "Aber die Logik des Schachspiels ist nicht von der rechenmäßigen Art. Der Rechner findet 2+2 = 4, der meisterliche Zug im Schach aber ist nur selten eindeutig bestimmt" (1925, S. 171).

Relativität im Schach
Beim Studium relevanter Texte des Schachschriftstellers Dr. Hannak zu Steinitz und Lasker, merkte ich, dass die Formulierung einer Relativitätstheorie des Schachs schon in der Luft lag, ohne jedoch aufgegriffen worden zu sein. So fasst Hannak die Unterschiede zwischen den Standpunkten von Steinitz und Lasker folgendermaßen zusammen (1965, S. 38): "Steinitz suchte das absolute Schach, wenngleich er wußte, daß es nur im Lande Utopia zu finden sei. Lasker aber suchte erst gar nicht dieses absolute Schach, sondern er tat seine Augen auf und suchte den Menschen...Im Denkprozeß Steinitz und Tarraschs hatte der Gegner überhaupt keine Rolle gespielt. In ihrer Theorie war es ganz gleichgültig, wer der Gegner war. In Laskers Theorie hingegen war das Entscheidende - der Gegner! Steinitz hat den jeweils wissenschaftlich richtigsten Zug gesucht...Lasker aber hat nicht der wissenschaftlich richtige Zug, sondern immer nur der für den konkreten Gegner unangenehmste Zug interessiert, gleichgültig, ob er 'wissenschaftlich' richtig oder falsch war. Nach seiner These gab es soviel richtige Züge, als es psychologisch differenzierte Gegner gab. Steinitz und Tarrasch haben Schach in unerreichter Abstraktion gespielt, Lasker aber hat mit lebenden Menschen gespielt, mit jedem anders, jeden unter das Gesetz seines psychologischen Denkens zwingend".

Ausserdem erklärt Hannak (1936/1989, S. 59-60; 1965, S. 36-38): Steinitz und Tarrasch hätten beide "die absolute Wahrheit" im Schach gesucht. Bereits Steinitz sei gleichwohl "letztlich von der Relativität aller Erkenntnis" überzeugt gewesen und habe im Hinblick auf das Schach darunter gelitten. Tarrasch hingegen habe an "die Erreichbarkeit der absoluten Wahrheit" geglaubt. Er sei von der Möglichkeit ewiger Schachprinzipien überzeugt gewesen und habe "den absolut richtigen Zug" gesucht. Lasker verstand wie Steinitz den "Relativismus", akzeptierte und gebrauchte diesen für seine Spielführung.

Schachlicher Realismus und Relativität
Lasker schrieb und sprach oft vom gesunden Menschenverstand, vom schachlichen Realismus, vom Kampf im Schach und im täglichen Leben; Zug- und Handlungsmöglichkeiten prüfte und bewertete er realistisch im Vergleich miteinander. Allerdings fand ich bei Lasker keinen Gebrauch der Begriffe relativ oder Relativität in Hinblick auf Schach. Seine folgenden Ausführungen verdeutlichen meines Erachtens dennoch sein relativistisches Denken und Handeln. Im Buch "Das Schachspiel" (1931) führt er bei der Beschreibung der Wirkungsweise der Schachfiguren (mit Rückgriff auf die Nibelungensage) aus (S. 39): "Wirkung, die auf einen Feind stößt, der für sie empfänglich oder empfindlich ist, ist das, was ich unter Kraft verstehe. Kraft ist gleichsam das Produkt von Wirkung und Empfindlichkeit. So äußert sich die Kraft im Kampfe: sie wächst sowohl mit dem Grade der Wirkung als auch mit dem Maß der Empfindlichkeit. Also etwa: eine gegen Siegfried gezückte Waffe war kraftlos, sofern sie nicht, wie in der Hand Hagens, gegen seine verwundbare Stelle eingesetzt ward."

Als ich damals die Schachliteratur nach Hinweisen auf Einstein durchforschte, fand ich eine Stelle, bei der eine "Relativitätstheorie des Schachs" schon fast zwischen den Zeilen stand (Petzold 1987, S. 227): "Einsteins Relativitätstheorie wurde zur gleichen Zeit formuliert, da Lasker am Schachbrett nach dem relativ besten Zug trachtete. Beide sahen auf ihre Weise, daß sowohl im großen Universum als auch auf dem kleinen Schachbrett alle Wertmaßstäbe vom Bezugssystem abhingen." Auch dies hat mich ermutigt, die Idee einer Relativitätstheorie für das Schach weiter zu verfolgen; erste Veröffentlichungen dazu Munzert 1995.

Laskers Relativitätstheorie des Schachzuges und -planes

Schließlich bin ich zur Ansicht gelangt, dass man, um die Verdienste Laskers auf diesem Gebiet zu würdigen und um die relativistischen Aspekte und Faktoren des komplexen Spiels hervorzuheben, durchaus von seiner Relativitätstheorie des Schachs sprechen könnte und vielleicht sogar sollte. Der Weltmeister hat tatsächlich eine relativistische Denkweise auf das Schach angewandt. Er kämpfte mit jedem Rivalen auf spezielle Weise (gegnerorientiert), suchte und wählte oft den relativ zum Gegner besten Plan und Zug. Er beachtete strategische, taktische und psychisch-psychologische Gesichtspunkte gleichzeitig und wusste um die Relativität aller Faktoren. Aufgrund seiner Berücksichtigung der Persönlichkeit, der Vorzüge und Schwächen seiner Kontrahenten entstand etwas, das man als "Relativitätstheorie des Schachzuges und -planes" bezeichnen kann. Diese besagt: Viele Züge sind nicht an sich gut oder schlecht, sondern erweisen sich erst in Hinblick auf den Gegner als ausgezeichnet, gut oder ungünstig! In den meisten Positionen gibt es mehrere akzeptable Zugmöglichkeiten. Man sollte unter diesen die - relativ zum Kontrahenten - erfolgversprechendste auswählen. Nicht der - objektiv betrachtet - richtig(st)e Zug ist stets der vorteilhafteste, sondern der für den konkreten Gegner unangenehmste (welcher diesen sofort oder langfristig vor die größten Probleme stellt). Auch umfassende Pläne und Zugfolgen können erfolgbringend - je nach der psychologischen Einschätzung des Opponenten - vom theoretisch richtig(er)en Weg abweichen. - Es versteht sich, daß Lasker, wenn er ein Matt sah, dieses mit den objektiv richtigen Zügen, die in diesem Fall auch für den Gegner die unangenehmsten waren, herbeiführte. Oft ist der theoretisch beste Zug auch der stärkste, aber nicht immer!

Wie man sieht, geht es hierbei nicht um Gravitation oder Lichtgeschwindigkeit, und auch nicht um Quanten; eher um ein mentales Bezugssystem in Hinblick auf relative Wirkungen im Schach. Greene bemerkt zur Relativitätstheorie der Physik (2000, S. 19-20): "Nach der speziellen Relativitätstheorie dürfen wir uns Raum und Zeit nicht mehr als einen universell festgelegten Rahmen vorstellen, den jeder auf die gleiche Weise erlebt." Ähnliches gilt auch für (subjektive) Schachbetrachtungen.
Gleichwohl ersann Einstein ein Bezugssystem, das für alle Bewegungen galt; Lasker entwickelte (s)ein spezielles Konzept, mit dem er alle möglichen Gegner und besondere Umstände berücksichtigte und mit entsprechenden eigenen Schachaktivitäten in Beziehung setzte. Sein subjektives Konzept wurde mittlerweile in den Köpfen und Zügen von unzähligen Schachspielern realisiert und bewusst oder unbewusst zu einem Prinzip für Denken und Handeln im Schachwettkampf.

Der Einstein des Schachs / Ergänzung und Vereinigung von Prinzipien und Ansätzen

Schachmeister Spielmann (1936/1989, S. 3) nannte Steinitz den Newton des Schachspiels (weil jener allgemeine Schachprinzipien aufstellte). Wenn ich diesen Vergleich aufgreifen darf, könnte man Lasker als den Einstein des Schachs bezeichnen. Er erkannte, dass im Schach vieles relativ ist - vor allem zum Gegner.

Die Relativitätstheorie Einsteins ersetzte die (absolute) Theorie Newtons nicht, sondern ergänzte sie. Einstein erkannte, dass Raum, Zeit und Bewegung keine absoluten, sondern relative Größen sind (abhängig vom Beobachter und Zeitpunkt der Beobachtung). Viele Phänomene des Kosmos lassen sich aufgrund der Newtonschen Gravitationsgesetze dennoch gut beschreiben, erklären und voraussagen, wie die Umlaufbahnen der Planeten und Sonnenfinsternisse. Andere Vorgänge können wiederum mit der Relativitätstheorie am besten verstanden werden (z.B. die Ablenkung des Lichts durch Materie, die Umwandlung von Energie in Materie und umgekehrt). Beide Denkansätze (der absolute und der relativistische) haben ihre Gültigkeit und schließen sich gegenseitig nicht aus. In der modernen Physik wird eine Vereinigung der wesentlichen Konzeptionen und Ansätze angestrebt (siehe z.B. Hawking 1988, Kaku und Trainer 1993, Weinberg 1993, Greene 2000); für die Psychologie versuche ich etwas Ähnliches (siehe Munzert 1998 bzw. 2012 [www.mikrowellenterror.de] , [www.mikrowellenterror.de] ), meine ersten ausführlichen Demonstrationsbeispiele sind hierbei Schach, Sport und ein umfassendes psychologisches Menschenbild (Munzert 1991, 1993a,b, 1995, 1996, 1998b).

Wie in der Physik können auch im Schach allgemeine Prinzipien (z. B. über die Beherrschung des Zentrums, die Bedeutung des Läuferpaares) und relativistische Denkweisen (der objektiv beste Zug führt zu Stellungen, die dem Gegner besonders gut liegen, man macht ihn deshalb nicht) nebeneinander bestehen und sich ergänzen. Sie sind kompatibel und komplementär. Üblicherweise sind während einer Partie sowohl die annähernd objektive als auch die relativistische Betrachtung und Beurteilung relevant; hier herrscht kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-Als-Auch! Im Kopf des Schachspielers wirkt alles ganzheitlich zusammen.

Schachrelativität - Überlegungen zu einem generellen Relativitätsprinzip im Schach

Wie schon erwähnt, brauchte Lasker aufgrund seiner umfassenden Schachfähigkeiten sowie seiner universellen Spielweise die eigenen Stärken, Mängel und Vorlieben kaum zu beachten und konnte sich bei der Vorbereitung auf Wettkämpfe und während der Partien voll auf seine Konkurrenten konzentrieren. Nun sind allerdings die wenigsten Spieler solche Schachtitanen oder Allroundtalente wie Lasker. Außerdem wissen Schachspieler manchmal nichts über ihren Gegner und können dessen Stärken und Defizite erst im Verlauf einer oder mehrerer Partien, wenn überhaupt, herausfinden.
Deshalb möchte ich meine folgenden Überlegungen zur Diskussion stellen: Für die allermeisten Schachspieler beinhaltet die Relativität des Schachs zunächst eine Beachtung der eigenen Stärken und Schwächen, Vorlieben, Abneigungen, Zielsetzungen sowie des momentanen Zustands (z.B. hochmotiviert oder müde). Erst dann ist es sinnvoll oder erfolgversprechend, die eigenen Fähigkeiten, die bevorzugte Spielweise usw. in Beziehung zu setzen mit den relevanten Charakteristiken, dem favorisierten Spielstil und den vermutlichen Absichten des jeweiligen Gegners - sofern darüber überhaupt Informationen oder Vermutungen vorliegen. Dabei gilt es, die Wechselwirkung der eigenen Plus- und Minuspunkte mit denjenigen des Kontrahenten zu berücksichtigen und günstig zu gestalten. Ein kompetenter Spieler ist bei der Auseinandersetzung mit dem Gegner bestrebt, die eigenen Stärken ins Spiel zu bringen und die Schwächen zu vermeiden sowie von Unzulänglichkeiten des Kontrahenten zu profitieren und dessen Stärken so wenig wie möglich zur Geltung kommen zu lassen. Man versucht also in Hinblick auf sich selbst und den Gegner sowie die Wechselwirkung potentieller Faktoren, den relativ besten bzw. einen vorteilhaften Zug oder Plan zu finden. Diese Form der Relativität im Schach ist noch "relativer" als Laskers Ansatz. Ihre Berücksichtigung erfordert fraglos komplexes Denken, aber daran sind viele Schachspieler ja gewöhnt.

Wenn man die sprachliche Parallele zu Einsteins Relativitätstheorie aufrechterhalten will - der bekanntlich zwischen spezieller und allgemeiner Relativitätstheorie unterscheidet (siehe z. B. Einstein & Infeld 1987) -, bietet es sich an, auch im Schach von einer speziellen und einer allgemeinen Relativitätstheorie zu sprechen. Die umfassendere Konzeption ist hierbei die allgemeine Relativitätstheorie; Laskers Sichtweise stellt den Spezialfall der fast ausschließlichen Orientierung am Gegner dar.
In Erweiterung der speziellen Relativitätstheorie Laskers gilt für das allgemeine Relativitätsprinzip im Schach: Viele Züge sind nicht an sich gut oder schlecht, sondern erweisen sich erst in Hinblick auf die Mentalität des Spielers (eigene Stärken, Defizite, aktuelle Zielsetzungen) sowie Psyche und Fähigkeiten seines Gegners als ausgezeichnet, gut oder ungünstig!

Die praktischen schachpsychologischen Konsequenzen der speziellen und allgemeinen Relativität im Schach werden bei Munzert (1993a/1998) aufgezeigt und an Hand vieler Beispiele verdeutlicht. Wir werden in späteren Kapiteln auf das SCHACH-Prozess-Modell eingehen (Munzert 1988 bzw. 1998 Kap. 20 & 29), bei dem psychische und/oder psychologische Aspekte und Faktoren sowie die psychologische Zugwahl berücksichtigt sind.

Kehren wir zurück zum ersten großen Meister der psychologischen Spielweise. Seine damals neuartigen Kampfmethoden sind mittlerweile für viele heutige Großmeister, Turnier- und Clubspieler eine Selbstverständlichkeit geworden. Der Weltmeister machte starke und feine Schachzüge, die eine Art Relativitätstheorie des Schachs verkörperten. Ähnlich wie Einstein revolutionierte Lasker die Grundlagen seines Fachgebietes, oder besser gesagt, er beschleunigte die Evolution des Schachs.

5. Kap. DAS DENK- UND SPIELMATERIAL (I): QUANTEN / WELLEN

"Sehr wahrscheinlich sind wir noch verwirrte Anfänger mit ganz verkehrten inneren Vorstellungen, und die letzte Realität entzieht sich nach wie vor unserem Verständnis" (Physikprofessor Susskind 2010, S. 509).

Quantenphysik und Schach, bevors richtig losgeht, erst noch das Spielmaterial vorstellen, was sind eigentlich Quanten? "Quant (Quantum): Ein von Max Planck 1900 eingeführter Begriff zur Beschreibung unsichtbarer Energiepakete..." (Kumar 2009, S. 463). Diese winzigen Teilchen (Partikel / Korpuskeln) können sich auch wellenartig verhalten; in manchen Feldern sind sie ebenfalls vertreten. Ein erster Vorstellungsversuch: Man kann Quanten als sehr winzige Kugeln, als "Substanz, beschränkt auf ein sehr kleines Volumen" (Heisenberg 2014, S. 48) und/oder als Wellen d.h. "räumlich ausgebreitet und schwingend" (Polkinghorne link) denken oder sich visualisieren (wer's kann).

Zu den Quanten zählen Photonen, dies sind: "Teilchen oder Quanten des Lichtes und anderer elektromagnetischer Wellen, die als verantwortlich für die Übertragung elektromagnetischer Kräfte angesehen werden können" (Davies & Brown 1993, S. 263). Für künftige Schach-Quanten-Meister unschlagbar kurz, trotzdem variantenreich zusammengefasst "Photon: Kleinstes Paket des elektromagnetischen Felds; Botenteilchen der elektromagnetischen Kraft; kleinstes Lichtpaket" (Greene 2000, S. 487). Felder sind also manchmal auch durch oder für Quanten relevant. "Feld: Etwas, das Ausdehnung in Raum und Zeit besitzt..." (Hawking 1988, S. 226).

Dazu ein (Spiel)Feld-Exkurs:
Einstein brachte bei seinem Versuch Relativitätstheorie mit Quantenmechanik zu verbinden das Konzept "Feld" ins Spiel. "Ein neuer Begriff taucht in der Physik auf, der bedeutendste Gedanke seit Newton: das Feld" (Einstein & Infeld 1950/1987, S. 216). [- Bedauerlicherweise meinten die beiden Physiker damit nicht das Schachfeld :-) . Interpretiert man die Namen der beiden Autoren kreativ, kann man eine Anspielung auf Schach nur relativ unscharf ausschliessen. Aber im Ernst:] Einstein wollte mit dem Feldbegriff "zu einer reinen Feldphysik" kommen (S. 218), was ihm nicht gelungen ist. Als er dies noch hoffte, schrieb er zusammen mit seinem Mitautor "vorläufig müssen wir also noch beides als gegeben hinnehmen: Feld und Materie" (Einstein & Infeld 1950/1987, S. 218). Schachbrett und Steine (Material) hören sowas gerne!

Ach wie gut, dass niemand weiß...
Quanten spielen mit ihrer Identität, besonders gern spielen sie Wellen. Je nach den Umständen, unter denen sie untersucht werden, imponieren sie auf andere Weise. "Die Tatsache, daß Elektronen, Photonen und andere Quantenteilchen sich manchmal wie Wellen und manchmal wie Teilchen verhalten, ruft oft die Frage hervor, was sie denn nun 'wirklich' seien" (Davies & Brown 1993, S. 22). Eines steht fest: Quanten nehmen es mit ihrem Aufenthaltsort, der Zeit, Logik (gesunder Menschenverstand) und ihrer eigenen Existenz nicht so genau.

Welle oder Teilchen? Beides oder keines?
Quanten spielen normalerweise verrückt, besser gesagt, sie halten Beobachter zum Narren. Ihre fragwürdigen Existenzen stellen immer wieder neue Rätsel auf. Ihr Entdecker Max Planck bezeichnete deren theoretische Einführung als "Akt der Verzweiflung".
Schon Jahrhunderte vorher hatte das Wesen des Lichts den Physikern viele Verständnisprobleme bereitet. Prof. Feynman fasst zusammen (1993, S. 158): "Beginnen wir mit der Geschichte des Lichts. Zunächst nahm man an, es verhalte sich ähnlich wie ein Schauer von Teilchen, von Korpuskeln, etwa wie Regen oder wie Kugeln, die aus einem Gewehr abgefeuert werden. Weitere Forschungen ergaben, daß diese Annahme nicht zutraf, daß sich das Licht vielmehr wie Wellen verhielt, beispielsweise wie Wasserwellen. Die Forschung des 20. Jahrhunderts wiederum gewann den Eindruck, daß sich Licht in vielerlei Hinsicht doch eher wie Teilchen verhielte. Ja, im Photoeffekt konnte man diese Teilchen, die Photonen, wie sie heute genannt werden, sogar zählen. Auch das Verhalten der Elektronen glich, als man sie entdeckte, exakt dem von Teilchen oder Kugeln. Weitere Forschungen jedoch, zum Beispiel die Experimente über die Beugung von Elektronen, zeigten, daß sie sich wie Wellen verhielten. Was Wunder, daß mit der Zeit die Verwirrung wuchs: Hatte man es nun mit Wellen oder mit Teilchen, mit Teilchen oder mit Wellen zu tun? Für die eine Annahme sprach soviel wie für die andere...Heute kennen wir das Verhalten von Elektronen und Licht, wissen aber nach wie vor nicht recht, wie wir es nun bezeichnen sollen. Sagen wir, sie verhalten sich wie Teilchen, erwecken wir einen falschen Eindruck; ebenso, wenn wir ihr Verhalten mit dem von Wellen vergleichen."

Welle-Teilchen-Dualismus / Materiewellen / Doppelwesen
Man erkannte schließlich, dass diese Doppelnatur nicht nur Licht und Elektronen kennzeichnet. Auch andere Elementarteilchen und sogar ganze Atome verhalten sich manchmal wie Partikel und manchmal wie Wellen. Lassen wir dazu kompetente Kenner der Materie zu Wort kommen - nebenbei ein kleines Nobelpreisträgertreffen.

In seiner Dissertation schlug der Franzose de Broglie 1924 das Verknüpfungskonzept "Materiewellen" vor, er vermutete "dass jegliche Materie - also wohlgemerkt selbst diejenen Objekte, die wir uns für gewöhnlich als Teilchen denken wie etwa Elektronen - auch wellenartiges Verhalten zeige" (nach Hey & Walters 1990, S. 51). Damit erzeugte er zunächst Erstaunen, aber Einstein gefiel die Überlegung. Kumar gibt diese feine Umschreibung: "Materiewelle: Wenn ein Teilchen sich verhält, als ob es Wellencharakter hätte, wird die dieses Teilchen darstellende Welle als Materiewelle oder De-Broglie-Welle bezeichnet" (2009, S. 461). (1929 erhielt de Broglie den Nobelpreis für Physik. Gute Zusammenfassung zu Materiewellen in Greene 2000, S. 128-130 oder Hey & Walters 1990, S. 51-52.) Manche Autoren verwenden auch den Begriff "Quantenwellen" (siehe Davies & Gribbin 1993, S. 191).

Nobelpreisträger Weinberg erklärt: "Nach der Quantenmechanik sind Wellen und Teilchen nur zwei Aspekte einer und derselben zugrunde liegenden Wirklichkeit. Das mit einer Welle verbundene Teilchen ist deren Quant" (1993, S. 171). Licht und andere elektromagnetische Wellen, z.B. Radiowellen, Mikrowellen, Röntgenstrahlung und sogar (feste) Materie sind beides, Wellen und Teilchen, zugleich. Je nachdem in welchem Kontext man sie untersucht, zeigen Materie und Strahlung Wellen- oder Teilcheneigenschaften.

Mit dem sonderbaren Doppelwesen der Elementarteilchen konnten sich viele Physiker lange Zeit nicht abfinden. William Bragg (Physik-Nobelpreis 1915) "brachte das Dilemma der Physiker auf den Punkt, als er verzweifelt ausrief, daß er montags, mittwochs und freitags die Korpuskulartheorie des Lichts lehre, dienstags, donnerstags und samstags jedoch die Wellentheorie" (zit. nach Hey und Walters 1990, S. 51).

Komplementarität
Der bekannteste Versuch zur Beschreibung (Erklärung?) des paradoxen Phänomens ist Niels Bohrs Komplementaritätsprinzip: Die beiden Seiten des Welle-Teilchen-Phänomens sind komplementär. Bohrs entsprechendes Motto lautet: "Gegensätze widersprechen sich nicht, sondern ergänzen einander" (siehe Hovis und Kragh 1996, S. 78). Heisenberg, der mit Bohr zusammengearbeitet hat, beschreibt dessen Sichtweise ausgezeichnet (1988, S. 95): "Bohrs Bestrebungen gingen dahin, die beiden anschaulichen Vorstellungen, Teilchenbild und Wellenbild, gleichberechtigt nebeneinander stehen zu lassen, wobei er zu formulieren suchte, daß diese Vorstellungen sich zwar gegenseitig ausschlössen, daß aber doch beide erst zusammen eine vollständige Beschreibung des atomaren Geschehens ermöglichten."

Mysteriöses aus Kopenhagen
Bohr, seine Kollegen und internationale Gäste am Kopenhagener Institut für theoretische Physik schufen nach langer Forschung, physikalischer und philosophischer Diskussion die Kopenhagener Deutung der Quantenphysik. Eine zentrale Annahme besagt: Erst durch Beobachtung / Messung wird eine Möglichkeit zur Realität, z.B. bei Elektronen und Photonen (oder dem Mond). "Gemäss Kopenhagener Deutung besitzen Teilchen keine unabhängige Wirklichkeit, keine Eigenschaften, solange sie nicht beobachtet werden" (Kumar 2009, S. 376).

Einstein hingegen und viele andere sahen und sehen es als Aufgabe der Physik an, konkrete Aussagen über die Realität zu machen (siehe Kap. , Pagels 1983, S. 91 oder Kumar 2009, S. 421). Bohr wiederum, erläutert besonders in Hinblick auf Atom- bzw. Quantenuntersuchungen: "...wir müssen uns daran erinnern, daß das was wir beobachten, nicht die Natur selbst ist, sondern Natur, die unserer Art der Fragestellung ausgesetzt ist" (nach Heisenberg 2014, S. 60).

Prof. Zeilinger, Anhänger der Kopenhagener Denkrichtung, betont: "Ich glaube, dass uns die Quantenphysik etwas ganz Tiefes über die Welt erzählt. Nämlich, dass die Welt nicht unabhängig von uns so ist, wie sie ist. Dass die Eigenschaften der Welt in einem gewissen Sinn von uns abhängen" (Link, in Weltwoche,erg.).

Das passt sehr gut zu meinem Ansatz, der Schach und Quantenphysik verbinden will. Besonders ermutigend hierfür ist überdies folgende Ausführung von Nobelpreisträger Wilczek (2013): "Die moderne Quantentheorie bekräftigt Bohrs Idee, dass das, was man sieht, davon abhängt, wie man es sich ansieht..." [www.spektrum.de].

Hier geht es im Text weiter: [www.mikrowellenterror.de]

Copyright Dr. Reinhard Munzert 2016



34 mal bearbeitet. Zuletzt am 02.08.2016 21:29 von Dr. Munzert.
Betreff Autor Angeklickt Datum/Zeit

Schach und Quantenphysik (Update 2016)

Dr. Munzert 4163 03.03.2016 10:45:13

Re: Schach und Quantenphysik (Update 2016, 2. Teil)

Dr. Munzert 1499 14.03.2016 10:32:48

Re: Schach und Quantenphysik (Update 2016, 3. Teil)

Dr. Munzert 1588 31.03.2016 13:05:44

Re: Schach und Quantenphysik (Update 2016, 4. Teil)

Dr. Munzert 1624 10.05.2016 21:06:18

Re: Schach und Quantenphysik (Update 2016, 5. Teil)

Dr. Munzert 1474 18.07.2016 15:28:29

Re: Schach und Quantenphysik (Update 2016, 6. Teil)

Dr. Munzert 1496 07.08.2016 22:00:34



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